Familienwegweiser

I. Eltern werden ist nicht schwer? Wege schwul-lesbischer Familienrealisation – Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen


Die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz der Vielfalt sexueller Orientierungen erleichtert schwulen Männern und lesbischen Frauen heute ihr Coming-Out, bevor sie feste intime Beziehungen eingehen. Früher sah das meist anders aus. Erst im Rahmen einer heterosexuellen Beziehung, häufig einer Ehe, wurden sich Frauen oder Männer ihrer homosexuellen Orientierung bewusst oder fanden den Mut, sie zu leben. Dieser Weg war leidvoll, doch er hatte auch etwas Gutes: Lesbische Frauen und schwule Männer wurden in diesen heterosexuellen Bezügen recht unkompliziert zu Eltern. Noch heute stammt die Mehrheit der Kinder lesbischer Mütter und schwuler Väter aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen.

Umfragen zufolge will heute jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann in Deutschland gerne mit Kindern zusammenleben.3 So wundert es nicht, wenn sich Lesben und Schwule heute zunehmend für eigene Kinder auch nach ihrem Coming-Out entscheiden. 40% aller Inhalte unserer Beratungen im Projekt „Regenbogenfamilien“ kreisen um Aspekte der Familienplanung.

Wie realisieren lesbische Frauen und schwule Männer heute nach ihrem Coming-Out ihren Elternwunsch?

Lesben und Schwule geben Pflege- und Adoptivkindern ein neues Zuhause. Zunehmend entscheiden sich lesbische Frauen für ein leibliches Kind durch heterologe Insemination oder realisieren gemeinsam mit schwulen Männern ihren Kinderwunsch als so genannte „Queerfamily“. In Deutschland ist  – anders als in den USA oder Großbritannien – Leihmutterschaft verboten, d. h. die Übernahme einer Schwangerschaft im Auftrag eines Anderen, ohne dass später von der Frau, die das Baby austrägt, eine „soziale“ Mutterrolle übernommen werden soll. So ist die Form der Queerfamily für schwule Männer in Deutschland die einzige Möglichkeit, den Wunsch nach einem leiblichen Kind zu verwirklichen.

Auf all diesen Wegen gibt es durch rechtliche Diskriminierung, gesellschaftliche Ressentiments oder Informationsmangel erschwerte Herausforderungen, denen sich die zukünftigen Eltern stellen müssen.

Diesen Wegen schwul-lesbischer Familienrealisation widmet sich der erste Teil des Handbuchs. Eingangs wird ein Blick auf Regenbogenfamilien mit einer heterosexuellen Vergangenheit geworfen und hier speziell die Herausforderung eines späten Coming-Out gegenüber sich selbst, einer/einem heterosexuellen Partner/in und natürlich speziell den Kindern beleuchtet. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Familienrealisation via heterologer Insemination. Hier wird ein umfangreiches Spektrum an Beratungsinhalten beleuchtet, von privaten bekannten oder unbekannten Samenspendern über inländische und ausländische Samenbanken sowie medizinischer Betreuung bis hin zu privatrechtlichen Vereinbarungen zu elterlichen Rechten und Pflichten. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Möglichkeit zum Kontakt gerade mit dem „Samenspender“ für Kinder in lesbischen Partnerschaften notwendig ist für ein „gesundes“ Aufwachsen. Zum Abschluss wird noch ein eher erfahrungsbezogener Blick auf das in Deutschland noch im Erprobungsstatus befindliche Modell der Queerfamily geworfen.

Seit dem 1. Januar 2005 können lesbische Co-Mütter oder schwule Co-Väter leibliche Kinder ihrer/ihres eingetragenen Lebenspartnerin/-partners adoptieren. Im Kapitel „Und nehmen Dich an Kindes statt“ wird neben der Möglichkeit der Familiengenese durch Adoption eines fremden Kindes auch die Stiefkindadoption beleuchtet. Durch die Stiefkindadoption entsteht jedoch keine neue Familie. In einer bereits bestehenden Regenbogenfamilie wird durch die Stiefkindadoption die gelebte Realität endlich von der rechtlichen Wirklichkeit eingeholt: Die Stiefmutter oder der Stiefvater erhält nun auch rechtlich die gleiche Stellung wie ein leiblicher Elternteil mit allen Rechten und Pflichten. Das Prozedere wird hier ebenso betrachtet wie einige bisherige Erfahrungen mit der Stiefkindadoption im Rahmen von Eingetragenen Lebenspartnerschaften. Angela Greib, Mitarbeiterin im Jugendamt der Stadt Hanau, rundet mit ihrem Beitrag über Pflegefamilien die Ausführungen über Wege schwul-lesbischer Familienrealisation ab.