II. Eltern sein dagegen sehr? Mythen und Wirklichkeiten des Regenbogenfamilien-Alltags
„Regenbogenfamilien“ stellen eine eigenständige Familienform dar – wie Eineltern-Familien, Patchwork-Familien und Stieffamilien. Regenbogenfamilien mangelt es jedoch aufgrund ihrer geringen gesellschaftlichen Präsenz derzeit noch weitgehend an (Rollen)Modellen. Das hat durchaus Vorteile: Gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Familien haben mehr Freiheit, individuelle Beziehungsstrukturen zu erproben und zu etablieren. Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, lernen häufiger einen partnerschaftlichen Erziehungsstil und egalitäre Rollenverteilung kennen als Kinder aus klassischen Familienformen.73 Es hat aber auch Nachteile: Regenbogenfamilien sehen sich mit etlichen Vorurteilen und Klischees gegenüber ihrer Familienform konfrontiert. Alle Lesben und Schwule setzen sich in ihrem Leben mit Vorurteilen gegenüber schwul-lesbischen Lebensweisen auseinander, um eine positive homosexuelle Identität zu entwickeln. Homosexuelle Eltern sind darüber hinaus gefordert, ein Selbstverständnis als (Regenbogen)Familie zu entwickeln, ihren „familypride“ zu finden.
Alle Mütter, Väter und Kinder gleich welcher Familienkonstellation begegnen alltäglich Herausforderungen in relevanten familiären Lebensbereichen, wie z. B. bei Versorgung und Wohnen, Arbeit und Schule/Kindergarten, in sozialen Netzen und ihrer Freizeit. Regenbogenfamilien stoßen darüber hinaus auf spezielle Schwierigkeiten, die ihren „Ursprung“ nicht in der Familie selbst sondern in der gesellschaftlichen Situation haben, die durch gesetzliche Diskriminierung und homofeindliche Haltungen genährt wird. So kann z. B. die Suche nach einer Wohnung erheblich erschwert werden, wenn zwei Väter und ihre Kinder dort einziehen wollen, oder die Liebe zum Fußball kann auf eine harte Probe gestellt werden, wenn der jugendliche Spross Angst vor der Reaktion seiner Mitkicker hat, sollten sie erfahren, dass ihr Stürmer zwei lesbische Mütter hat.
Einigen dieser alltäglichen Besonderheiten von Regenbogenfamilien widmet sich der zweite Teil des vorliegenden Handbuchs. Das erste Kapitel befasst sich mit dem Aufwachsen in Regenbogenfamilien. Hier wird auf dem Hintergrund aktueller Forschung kurz die bislang bemerkenswert faktenresistenten Vorurteile zur Erziehungsfähigkeit homosexueller Eltern und der Entwicklung ihrer Kinder beleuchtet. Das zweite Kapitel befasst sich mit zwei psychosozialen „Besonderheiten“ von Regenbogenfamilien: dem familiären Selbstverständnis und dem Umgang mit Diskriminierungen. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich Regenbogenfamilien als Familien selbst sehen und wie Eltern ihre Kinder im
Umgang mit möglichen sozialen Diskriminierungen unterstützen können. Erziehung geschieht wie jedes soziale Handeln nicht im luftleeren Raum. An der Sozialisation der Kinder sind auch in Regenbogenfamilien eine Vielzahl von Menschen und Institutionen beteiligt. Das letzte Kapitel des Handbuchs „Kein Mensch ist eine Insel“ widmet sich der Frage, wie Erziehungspartnerschaften in Schulen und Kindertagestätten mit Regenbogenfamilien konstruktiv gestaltet werden können.
