1. Vom Sein und Werden – Aufwachsen in einer Regenbogenfamilie
Was wissen wir heute über schwul-lesbische Elternschaft und die Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen? Eine gute Quelle für Informationen stellen psychosoziale Studien dar, die sich mit Regenbogenfamilien beschäftigt haben. Diese Forschungsarbeiten stammen bis heute mehrheitlich aus dem angloamerikanischen Raum, deutsche Studien sind rar. Da „wertkonservative Stimmen“ gerne auch in politischen Debatten die Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Studien auf deutsche Verhältnisse in Frage stellen, hat das Bundesministerium der Justiz eine eigene Studie zur „Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften“ in Auftrag gegeben. Die Untersuchung wird vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb) durchgeführt. Ergebnisse werden für Ende 2008 erwartet (siehe www.ifb.bayern.de/forschung/regenbogen.html).
Studien über Regenbogenfamilien – Zur Forschungslandschaft
Die frühe Forschung wurde in den 70er Jahren in den USA durch Sorgerechtsprozesse lesbischer Mütter angestoßen. In diesen Studien herrschte eine defizitorientierte Perspektive vor, die entweder zum Kampf gegen oder zum Beweis für verbreitete Vorbehalte gegenüber schwul-lesbischer Elternschaft ins Feld zog. So konzentrierten sich die Themen, die erforscht wurden, auf „Mythen und Vorurteile“, und das Design der Untersuchungen fokussierte auf einen „Homo-Hetero-Vergleich“. Einige dieser Vorbehalte spuken – trotz klarer Faktenlagen – auch heute noch durch diverse Köpfe – manchmal sogar durch die von Regenbogenfamilien selbst.
„Es gibt einen erstaunlichen Gegensatz beim Thema Regenbogenfamilien. Auf der einen Seite: Fast alle Laien, auch die, die ansonsten sehr tolerant gegenüber Lesben und Schwulen sind, werden besorgt, wenn sie darüber nachdenken, dass Lesben und Schwule Kinder großziehen. Auf der anderen Seite: Alle Expert(inn)en, auch die, die in sehr renommierten Zeitschriften wie Pediatrics, American Sociological Review oder Current Directions in Psychological Science publizieren, kommen zu demselben Schluss: dass es überhaupt keine Belege dafür gibt, dass sich Kinder von Lesben und Schwulen in irgendeiner Hinsicht schlechter entwickeln als andere Kinder.“
Prof. Melanie Steffens, Professorin für Soziale Kognition und Kognitive Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, www.uni-jena.de/prof_steffens_publikationen.html

Die über lange Zeit gängigsten Vorbehalte74 postulieren, dass Lesben und Schwule keine Kinder aufziehen sollten, da ...
- sie ihre Kraft zur Aufrechterhaltung ihres eigenen psychischen Wohlbefindens benötigen würden,
- ihre Paarbeziehungen nur von kurzer Dauer seien,
- ihr Coming Out für die Kinder zu belastend sei,
- ihre Kinder selbst lesbisch oder schwul werden würden,
- ihre Töchter zu männlich und ihre Söhne zu weiblich werden würden wegen fehlender oder „falscher“ Rollenmodelle,
- ihre Kinder sich aufgrund der homosexuellen Lebensform der Eltern von Gleichaltrigen zurückziehen und sozial isolieren würden,
- die Kinder erheblichen Schaden nehmen würden durch Diskriminierungen, da die Gesellschaft noch nicht reif für solche Familien sei.
Alle diese Stereotype sind hinlänglich widerlegt worden: Psychosoziale Studien attestieren lesbischen Müttern und schwulen Vätern umfassend eine angemessene Erziehungsfähigkeit und ihren Kindern eine gelungene emotionale, soziale und psychosexuelle Entwicklung.75
Seit den 90er Jahren widmen sich Untersuchungen vermehrt Themen klassischer „Familienforschung“, bei denen der Regenbogenkontext nur ein Spezifikum der Untersuchung darstellt. Hier werden z. B. Familienstrukturen und -dynamiken beleuchtet (z.B. Singles oder Paare mit Co-Müttern, Beziehungszufriedenheit oder die Zufriedenheit mit den Rollenaufteilungen) oder die soziale und ökonomische Situation der Regenbogenfamilien betrachtet.76
Lesbische Mütter und schwule Väter – Elterliche Banalitäten und „Bonbons“
Die Studien belegen durchgängig, dass lesbische Mütter und schwule Väter angemessen über die Fähigkeit verfügen, Kinder zu erziehen und in Liebe zu begleiten. Im Erziehungsverhalten finden sich mehr Ähnlichkeit als Unterschiede zwischen Regenbogen- und anderen Familien.
So richten z. B. alle Mütter ihren Alltag primär nach den Bedürfnissen ihrer Kinder aus,77 verfügen über ein vergleichbar gut funktionierendes soziales Unterstützungsnetz78 und haben es schwer, Kinder und Beruf „unter einen Hut“ zu bringen. Homo- wie heterosexuelle Väter regen ihre Kinder zur Autonomie an, teilen mit ihnen viele Erholungs- und Freizeitaktivitäten und befassen sich mit generellen Brennpunkten der Elternschaft, wie die Gesundheit ihrer Kinder und ihre schulische Förderung.79
Die Studien weisen auch auf Unterschiede hin: Lesbische Mütter orientieren sich z. B. bezüglich der Präferenzen zum geschlechtsspezifischen Rollenverhalten stärker an den Wünschen ihrer Kinder als an den vorgegebenen gesellschaftlichen Normen (z. B. Wahl von Spielen/Spielzeug).80 Die Aufteilung von Erziehungs- und Versorgungsaufgaben ist ohne Kinder wie mit Kindern in lesbischen Partnerschaften „gleichberechtigter, flexibler und demokratischer“ verteilt als in heterosexuellen Partnerschaften.81 Schwule Väter weisen ein stärkeres Engagement in ihrer Elternrolle auf und beteiligen sich stärker an den Aktivitäten ihrer Kinder als ihre heterosexuellen Pendants. Soziale lesbische Mütter und schwule Väter (siehe I 2.2 zur Rolle des sozialen Elternteils) sind konsequenter im Erziehungsverhalten als heterosexuelle Väter oder Stiefeltern. Sie scheuen weniger davor zurück, sich durch Strenge „unbeliebt“ zu machen, indem sie ausgewiesene Grenzen aufrechterhalten und die Kinder in die Regel-Verantwortung nehmen.82 Gleichzeitig nehmen sie sich mehr Zeit für Erklärungen und Gespräche mit den Kindern.83
Und die Kontakte mit Erwachsenen des „anderen“ Geschlechts? Lesbische Mütter achten mehr als heterosexuelle Alleinerziehende darauf, dass ihre Kinder generell Beziehungen zu Männern und speziell zu ihrem Vater haben.84
Kinder in Regenbogenfamilien – Total normal und ein wenig besonders
Kinder aus Regenbogenfamilien wachsen exakt gemäß dem „bundesweiten Durchschnitt zu 91-94%“ zu heterosexuellen Erwachsenen heran.85 Sie erlauben sich diesbezüglich eine größere Offenheit in ihrer Wahrnehmung und in ihren Lebensentwürfen86 (siehe II 2.1, Tipps für jugendliche Kinder). Die Geschlechtsrollenentwicklung ist etwas flexibler als bei Kindern in Vergleichsstichproben:87So spielen Töchter von Lesben auch gerne mit Jungenspielzeug, sind abenteuerlustig und gerne auch mal die Anführerin und können sich vorstellen, später Astronautin zu werden. Dies liegt jedoch nicht in der sexuellen Orientierung der lesbischen Mütter begründet, sondern in einem eher androgynen Ideal und Selbstbild, das Menschen unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht sowohl typisch männliche als auch weibliche Eigenschaften zuspricht. Aber auch lesbische Mütter haben ihre Grenzen: In den Studien spielten die Söhne aller Mütter en gros lieber mit klassischem Jungenspielzeug.
Kinder aus Regenbogenfamilien können wegen der sexuellen Orientierung ihrer Eltern durchaus Sticheleien erleben, sie nehmen jedoch keinen „bleibenden Schaden“ dadurch. Die Kinder erkennen vielmehr die gesellschaftliche Homophobie als Ursache der sozialen und rechtlichen Probleme (siehe II 2.2). Diese Kinder weisen, – vielleicht begünstigt durch ihr familiäres „Anders Sein“ – stärkere soziale Kompetenzen auf, z. B. hinsichtlich ihrer Reflexions- und Konfliktfähigkeit, ihrem Einfühlungsvermögen und der Toleranz gegenüber der „Vielfalt der Lebensformen“. So setzen sie sich differenzierter mit Sicht- und Verhaltensweisen auseinander und können ihre eigenen Standpunkte in Konstellationen mit abweichenden Meinungen besser vertreten und unterschiedliche – auch gegensätzliche – Lebensweisen und Wertsysteme entspannter nebeneinander stehen lassen.88
Die Forschung der letzten 30 Jahre attestiert also nicht nur lesbischen Müttern und schwulen Vätern eine adäquate Erziehungsfähigkeit und ihren Kindern eine gelungene emotionale, soziale und sexuelle Entwicklung, sie belegt auch zweifelsfrei, dass das viel bemühte „Wohl des Kindes“ nicht abhängt von der sexuellen Orientierung der Eltern89 oder der Familienstruktur. Vielmehr sind es die Prozesse innerhalb der Familien, die über das Wohlergehen der Kinder entscheiden, wie z. B. die Nähe und Stabilität der Beziehungen und die Beziehungszufriedenheit ... und diese Gelingen umso besser, je mehr die Menschen dort sein dürfen, wie und was sie sind.
„Die größte Herausforderung (meiner Elternschaft) ist nichts Geringeres als nur ein guter Vater zu sein. Mein Leben wäre als Schwuler ohne Kind sicher einfacher und anders verlaufen, aber nicht glücklicher und erfüllter. Auch wäre mein Leben ohne Schwulsein mit Familie einfacher verlaufen, aber zu welchem Preis?? Heute kann ich ‚ich selbst’ sein und bin dankbar für mein Leben.“ Manfred (4)
Und wenn`s ein bisschen mehr sein darf:
Eine differenzierte Schilderung der Forschungsergebnisse sowie eine ausführliche Methodenkritik finden sich im Übersichtsartikel: Jansen, E. & Steffens, M.C. (2006). Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 38(3), 643-656.
Der Artikel ist als Download verfügbar unter den projektbezogenen Publikationen.
