Familienwegweiser

2. Selbstverständnis und Selbstbehauptung – Eine besondere Mitgift

„Familie ist, wo Kinder sind“ lautete der Titel der Regierungserklärung zur Familienpolitik, die der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 vor dem Deutschen Bundestag abgab. In den meisten Köpfen und Bilderbüchern herrscht jedoch nach wie vor ein heteronormatives Familienverständnis vor, in dem nicht nur zwei Generationen (Eltern und Kinder), sondern auch zwei Geschlechter (Mann und Frau) als Bezugsgröße des familialen Zusammenlebens betrachtet werden. Für Familienmodelle, die dem Vater-Mutter-Kind(er)-Konzept nicht entsprechen, gehört es fast schon zum Alltag, immer wieder mit klassischen Familien- und Rollenkonzepten verglichen zu werden. Problematisch wird es dort, wo die Nicht-Anwesenheit eines Elternteils als Defizit bewertet und vermittelt wird.

Mutter-Mutter-Kind(er) oder Vater-Vater-Kind(er) sind Bilder von Familie, die konservative Moralvorstellungen sprengen und vermeintlich kulturelle Sicherheiten über Geschlecht und Sexualität, Ehe und Elternschaft in Frage stellen. Durch den unzeitgemäßen doch durchaus lebendigen Monopolanspruch der herkömmlichen Ehe und Familie, den politische und gesellschaftliche Debatten um die Eingetragene Lebenspartnerschaft fast zu beleben scheint, kommen Regenbogenfamilien regelmäßig unter Rechtfertigungs- oder zumindest Erklärungsdruck. Will eine Regenbogenfamilie z. B. die Familienkarte im Schwimmbad nutzen, müssen die beiden Väter häufig mehr vorwiesen als ein charmantes Lächeln und ihr Kind. Wenn der Personalausweis mit dem gemeinsamen Wohnsitz und einem geteilten Familienamen nicht ausreichen, muss auch schon mal die Androhung eines Beschwerdebriefs her.

Das innere Bild der eigenen Familie ist uns selten bewusst, solange es nicht explizit erfragt wird oder unsere Familie eine radikale Veränderung erfährt. Wer gehört alles zu unserer Familie? Wie ist unsere Familie entstanden? Was ist uns wichtig? Wer hat welche Aufgabe oder Rolle? Lesbische Mütter und schwule Väter können die Gunst der Stunde nutzen und – bevor sie zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden sind – gezielt gemeinsam mit ihren Kindern ihr eigenes Selbstverständnis als Regenbogenfamilien entwickeln. Hierzu finden sich Anregungen im nachfolgenden ersten Kapitel (II 2.1).

Vorurteile und Befürchtungen über Regenbogenfamilien entbehren aller wissenschaftlicher Grundlage und empirischer Nachweise. Kinder aus Regenbogenfamilien werden in ihrem Leben dennoch diesbezügliche Diskriminierungen erwarten können; Sie reichen von familienrechtlichen und politisch-rhetorischen Diskriminierungen bis zu Hänseleien durch Gleichaltrige. Lesbische Mütter und schwule Väter müssen sich jedoch keine größeren Sorgen machen, denn – gemäß der Forschungsbefunde – begegnen die Kinder aus Regenbogenfamilien diesen Diskriminierungen mit einer erstaunlichen psychischen Stärke. Welche Diskriminierungen auftreten können, wann sie bedenklich werden, wie Eltern ihre Kinder im Umgang mit homofeindlichen Bemerkungen unterstützen können und was sie allgemein zur Stärkung ihrer Kinder beitragen können – diesen Fragen gehen die anschließenden Kapitel nach.