2.1 „Was ist Familie“ und „Wo komme ich her“ – Vom familialen Selbstverständnis
Alle Kinder – gleich in welcher Familie sie aufwachsen – lernen ihre Familie schrittweise kennen und entwickeln ein zunehmend vollständiges mentales Bild ihrer Familie. Wenn Kinder älter werden, entwickeln sie ein tieferes Verständnis davon, was es meint, eine Schwester oder ein Bruder, eine Tochter oder ein Sohn und ein Enkelkind zu sein. Sie erfahren nach und nach, wer alles zu ihrer Familie gehört und wie wer mit wem verwandt ist. Darüber hinaus interessiert es Kinder natürlich, wo sie her kommen und wie sie „entstanden sind“. Wenn Kinder älter werden und z. B. in der Kita die Themen „Schwanger sein“, Geburt neuer Geschwister und generell „Kinder kriegen“ auf den Tisch kommen, spätestens dann forschen die „lieben Kleinen“ auch zu Hause nach, ob Mamas Bauch damals auch so dick war und ob sie auch so kleine Zehen hatten und wie das alles gewesen ist. Ihre Suche beginnt nach Antworten auf die Menschheitsfrage „Woher kommen wir?“ und nach einem eigenen Familieverständnis.
Sehr junge Kinder haben keine Annahmen darüber, wie eine Familie auszusehen hat und wer dazugehören „müsste“ und wer nicht. Sie nehmen ihre eigene Familie als natürliche Gegebenheit wahr: Sie ist, wie und was sie ist. Wenn Kinder älter werden und ihre Familie mit anderen vergleichen oder von Anderen hören, dass etwas fehlt, da sie ja keinen Papa oder keine Mama haben, spätestens dann wird die eigene Familienstruktur zum Thema werden. Es empfiehlt sich, Kindern in Familien, die nicht den klassischen Familien- und Rollenkonzepten entsprechen, möglichst früh altersgerechte Informationen über ihre Familienform und ihren Ursprung zu geben. So können sie ihre Familienform besser verstehen und wertschätzen.
Hier ein paar Anregungen, wie lesbische Mütter und schwule Väter altersentsprechend mit den ausgesprochenen und unausgesprochenen Fragen ihrer Kinder umgehen können.90
Tipps für Kinder unter drei Jahre
Babys und Kleinkinder stellen keine Fragen über ihre Familie. Ihre Wahrnehmungen formen ihre Vorstellungen und ihr Denken. Sie sind in erster Linie mit dem Aufbau von Beziehungen beschäftigt. Familie erleben sie als natürliche Fortsetzung ihrer selbst. So fragen sie sich vorrangig, wer die Menschen sind, die sie versorgen und sich um sie kümmern. In diesem Alter ist es wichtig, dass Eltern ihre Familie einfach feiern und diese Beziehungen bekräftigen. Wie?
- Verwenden Sie immer die gewählten Bezeichnungen oder Namen für sich und Ihre/n Partner/in, wenn Sie mit den Kindern reden: „Hier kommt Papa/Mama.“
- Zeigen Sie Ihre Zuneigung gegenüber Ihren Kindern und Ihrer/Ihrem Liebsten durch Worte und Handlungen. Und nehmen Sie ihre Liebesbekundungen an.
- Schaffen Sie Familien-Rituale. Das kann z. B. eine Exklusivzeit für einen Elternteil und das Kind sein, in der die beiden ihr ganz besonderes Lied miteinander singen oder ein Spiel spielen, das nur sie miteinander teilen. Oder Sie können eine Willkommenparty für das neue Geschwisterchen ausrichten...
Wenn Kinder zu sprechen beginnen, ist es wichtig, dass das Umfeld dieselben Wörter und Bezeichnungen für die Familienmitglieder verwendet, wie das Kind selbst.
- Informieren Sie Menschen, mit denen Ihr Kind Zeit verbringt, darüber, wie die Mitglieder Ihrer Familie genannt werden. Die Großeltern sollten dies ebenso wissen, wie gute Freunde/Freundinnen, das pädagogische Personal in der Kita und die Nachbarn. „Mich nennt meine Tochter Mama und meine Frau nennt sie Mutti.“
„Unsere Tochter ruft uns bspw. lautstark bei einem gemeinsamen Spaziergang zu: ‚Maaamiii guck’ mal, ein Regenwurm!’ – worauf Camilla irgendetwas erwidert und unsere Tochter ganz aufgeregt weiter ruft: ‚Maaamaaa, guck Du auch mal, ein Regenwurm!’“ Johanna (11)
Die Menschen, mit denen Ihre Familie „jenseits der Verwandtschaft“ verbunden ist, wie Ihr Freundeskreis oder die Personen, mit denen Sie in Ihrer Freizeit aktiv sind, sind sehr wichtig für Ihre Kinder.
- Bilden Sie ganz gezielt Netzwerke mit anderen Lesben und Schwulen und natürlich anderen Regenbogenfamilien. Ihre Kinder werden ihre eigene Familienstruktur in anderen Familien widergespiegelt sehen: “Du hast einen Papa und einen Papi, und Karen hat das auch.“ Das bestärkt sie in ihrer Vorstellung, wer alles zu einer Familie gehören kann. Natürlich erlebt es so auch, dass man mit Lesben und Schwulen viel Spaß haben kann.
„Es gibt eine Ilsegruppe von lesbischen und schwulen Pflegeeltern, mit der wir uns regelmäßig samt Kindern treffen, auch um für unsere Kinder sichtbar zu machen, dass es mehrere Regenbogenfamilien gibt.“ Lesbische Mutter (19)
Um ein Gefühl für das zu entwickeln, was oder wer sie sind, dreht sich bei Kleinkindern eine Zeit lang alles um die drei großen „M“: mich, mein und mir. „Nein, das ist mein ... und das da ist dein ...!“
- Nutzen Sie diese Zeit, um Ihren Kindern zu vermitteln, wer zu Ihrer Familie dazugehört. Sie werden nicht müde zu hören, wer sie alles liebt und wer sich alles über und auf sie freut.
- Nutzen sie einfach Beschreibungen und Bilder, um Ihrem Kind eine erste Vorstellung von der Genese Ihre Familie zu vermitteln: „Dann habe ich Petra kennen gelernt – schau hier ist ein Foto von uns am Meer. Und dann haben wir uns ganz doll ein Baby gewünscht – und dann bist du auf die Welt gekommen: Schau mal, hier ist ein Bild von dir, da bist gerade einen Tag alt.“
Wenn die Kinder ein wenig älter werden, wollen sie wissen, wer zu wem nicht nur in Ihrer, sondern auch in anderen Familien.
- Helfen Sie Ihren Kindern dabei, ein Familienkonzept anzulegen, in dem ihre eigene Familie ebenso einen Platz hat, wie andere Familienformen. Sprechen Sie mit ihnen über andere Familien, die sie kennen oder die sie in Büchern oder den Medien sehen: „Dylan hat zwei Mamas. Peter hat eine Mama und einen Papa. Du und Karen, ihr habt zwei Papas.”
Tipps für Kinder im Vorschulalter und in den ersten Schuljahren
Eine große Herausforderung bei Kindern in diesem Alter besteht darin, sie mit der Menge und Differenziertheit der Informationen, die wir ihnen anbieten, nicht zu über- und auch nicht zu unterfordern.
Lange und sehr detaillierte Antworten können sie leicht verwirren. Wenn wir Kindern jedoch keine Informationen geben, weil wir glauben, nur weil sie keine Fragen stellen, wären sie daran (noch) nicht interessiert, kann es die Kinder leicht auf die Idee bringen, dass darüber nicht gesprochen werden darf. Welche Fragen beschäftigen Kinder in diesem Alter?
„Wo komme ich her?“
Eine „Gegenfrage“ kann Ihnen helfen herauszufinden, was Ihr Kind gerade jetzt wissen will, worüber genau es nachdenkt: „Was glaubst du denn?“ – „Also, wo war ich, bevor ich zu euch gekommen bin?“ Auf die vielen Fragen Ihrer Kinder in diesen Jahren antworten Sie am besten ehrlich und mit möglichst einfachen Informationen. Wenn die Auskünfte nicht ausreichen sollten, werden die Kinder schon nachhaken.
- Wenn Sie Ihr Kind adoptiert haben:
Kindern, die adoptiert wurden, können Sie z. B. die Geschichte der ersten Begegnung erzählen: Wie Sie vielleicht die Eltern Ihres Kindes zum ersten Mal getroffen haben oder Ihr Kind selbst. Wenn Ihr Kind im Ausland adoptiert wurde, können Sie von der Reise und dem Land erzählen. Sie können davon berichten, wie Sie sich ein Kind gewünscht haben und auf die Idee gekommen sind, ein Kind zu adoptieren.
Familiengenese mittels Adoption – Literaturhinweise für Kinder und Eltern
- Link, M. (2002). Komm, ich zeig Dir meine Familie. Hamburg: Riesenrad. (Bilderbuch).
„Eltern, Kind, zwei Omas und drei Hunde. Eine ganz normale Familie. Das Zimmer vom kleinen Daniel ist mit Kuscheltieren voll gestopft, er spielt gern im Sandkasten und geht freitags in den Musikkindergarten. Aber doch irgendwie anders ... Daniels Eltern sind Papa und Micha. Das homosexuelle Paar hat den kleinen Daniel aus St. Petersburg adoptiert.“
- Curtis, Jamie Lee (2000). Erzähl noch mal, wie wir eine Familie wurden. Hamburg: Edition Riesenrad (Bilderbuch).
„Ein bezauberndes Bilderbuch, das von einer überaus spannenden Nacht erzählt, einer Nacht, in der ein Kind geboren wird. Eine hinreißende Geschichte für Eltern und Kinder, die ganz nebenbei auch das Thema Adoption streift.“
- Boie, Kirsten (1985). Paule ist ein Glücksgriff. Hamburg: Oetinger.
„Andere Kinder feiern Geburtstag, Paule feiert Geburtstag und Ankunftstag. Paules Eltern haben ihn nämlich aus dem Heim geholt, als er noch ganz winzig war. Zu gern lässt sich Paule die Geschichte seiner Ankunft erzählen: Wie klein er war, wie viele Windeln er verbraucht hat und dass Opa gefragt hat, ob er in Schokolade gefallen wäre. Meistens fühlt sich Paule rundum glücklich in seiner Familie, nur manchmal möchte er doch mehr wissen über die Frau, in deren Bauch er gewachsen ist ...“
- Kunert, Almud & Hildebrandt, Anette (2003). Und dann kamst du, und wir wurden eine Familie ... Ravensburg: Ravensburger Buchverlag.
„Mit diesem Buch kann man sehr einfühlsam das Thema Adoption schon mit kleinen Kindern aufgreifen. Es beschreibt die verschiedenen Stationen einer Adoption und gibt auch der leiblichen Mutter einen Platz. Die Zeichnungen sind sehr farbenfroh und ansprechend. Das Buch spricht sehr viel über die Gefühle, die mit einer Adoption verbunden sind. Ich lese es meiner 16 Monate alten Adoptivtochter jetzt schon vor, um das Thema Adoption für sie greifbar zu machen“ (Eine Rezension).
- Der Dokumentarfilm „Wer ist Familie?“ von Michael Schaub und Kirsten Steinbach über die schwulen Väter Jan und Holger und ihren vietnamesischen Adoptivsohn Minh Kai (www.wer-ist-familie.de).
Wenn Ihr Kind einen sichtbar anderen ethnischen Ursprung hat, dann können auch andere Fragen kommen, z. B. zur Hautfarbe oder ethnischen Identität. „Warum bin ich bei uns als einzige so braun?“ Natürlich sollten Sie das, was Ihre Kinder wahrnehmen, nicht „klein machen“ oder gar leugnen. Es ist ein Teil ihrer Identität und sollte gefeiert und in der Bedeutung reduziert werden. Eine gute Form, mit dem Thema umzugehen, könnte es sein, generell über Ähnlichkeiten und Unterschiede in Familien zu sprechen. Das geht auch in ganz einfachen Worten: „In Familien können Kinder und Eltern sehr ähnlich aussehen und in anderen Familien gleichen sie sich gar nicht. Wichtig ist, dass sie zusammen gehören. Bei uns in der Familie kümmern wir uns um einander und lieben einander. Das macht eine Familie aus.“
- Wenn Ihr Kind durch eine Samenspende auf die Welt kam:
Uns fällt es als Erwachsene manchmal schwer, über die Verwirklichung des Kinderwunsches mittels „Insemination“ oder „Samenspenden“ zu sprechen. Um einem Gespräch gelassener entgegen zu sehen, kann es hilfreich sein, sich im Vorfeld einfache Antworten und Formulierungen zurechtzulegen: „Deine Mama und ich haben uns ein Baby gewünscht. Du bist in einem Ei gewachsen in Mamas Körper an einem Ort, den man „Gebärmutter“ nennt.“
„Ich habe zwei Mamas. Ich habe auch einen Papa, weil jedes Kind muss ja einen Papa haben [spricht der Sohn einer Biologin! Anm. d. Mutter] und der wohnt in Holland.“ Lesbische Mutter (18)
Wenn Ihr Kind mehr wissen will, könnten Sie das Thema „Samen“ einleiten: „Wir brauchten dazu auch Samen von einem Mann, der „Sperma“ genannt wird, damit aus dem Ei ein Baby werden konnte. Wir haben dann jemanden gesucht, der uns dabei helfen wollte, ein Baby zu bekommen. Wir haben jemanden gefunden, und aus dem Samen und dem Ei bist dann du gewachsen.“
„Wir haben von Anfang an mit unseren Kindern über ihre Zeugung (Insemination) gesprochen und uns bald Bilderbücher besorgt, in denen auch verschiedene alternative Familienformen beschrieben werden.“ Lesbische Mutter (19)
Familiengenese mittels Spendersamen – Literaturhinweise für Kinder und Eltern
- Thorn, Petra (2006). Die Geschichte unserer Familie. Ein Buch für Familien, die sich mit Hilfe der Spendersamenbehandlung gebildet haben. Mörfelden: FamART.
Dieses Buch unterstützt Eltern, die mit ihrem Kind über die Samenspende sprechen möchten. Es ist für Kinder im Alter zwischen 3 und 6 Jahren gedacht. Mit einfachen Worten wird erklärt, dass manche Eltern medizinische Unterstützung und den Samen eines anderen Mannes benötigen, um ein Kind zu bekommen. Es ist so gestaltet, dass auf mehreren Seiten Bilder der Familie und des Kindes eingeklebt werden können; damit entsteht für jede Familie ein ganz persönliches Buch.
Den Abschluss des Buches bildet der Bericht einer Familie, die zum Zeitpunkt des Erfahrungsberichts drei Kinder im Kindergartenalter haben. Die Eltern berichten, wie sie die Aufklärung umgesetzt haben und wie ihre Kinder mit dieser Art der Familienbildung umgehen.
- Thorn, Petra (in press). Die Geschichte unserer Familie – Ein Buch für lesbische Familien mit Wunschkindern durch Samenspende... Mörfelden: FamART.
In Zusammenarbeit mit Dr. Lisa Hermann-Green entsteht dieses Buch, das wie das obige konzipiert ist und von einer Familie mit einem lesbischen Mütterpaar handelt.
- Montuschi, Olivia (2006). ‘Telling’ and Talking about Donor Conception with ... year olds. A Guide For parents. Donor Conception Network.
In Großbritannien setzt sich das Donor Conception Network (www.dcnetwork.org) für die Belange von Eltern ein, die ihren Kinderwunsch via heterologe Insemination verwirklicht haben oder verwirklichen wollen. Hier wurden die jeweils ca. 30-seitigen Informationshefte von Olivia Montuschi rund um das Thema „Wie sag ich es meinem Kind“ herausgegeben. Es gibt sie für die Altergruppen 0-7, 8-11, 12-16 und 17+. Wenn Eltern vor „englischer Lektüre“ nicht zurückschrecken, sind diese kompakten und sehr informativen Broschüren durchaus zu empfehlen, auch wenn sie auf heterosexuelle Elternpaare zugeschnitten sind. Es finden sich kostbare Anregungen. Sie stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung unter www.donor-conception-network.org/telltalkpubs.htm.
- Wenn Sie in einer Patchworkfamilie leben:
Kinder in Patchworkfamilien, die aus früheren heterosexuellen oder schwul-lesbischen Beziehungen stammen, müssen über ihre Ursprungsfamilien ebenso gut sprechen können, wie über diejenige Familie, in der sie gerade leben. Kinder müssen alle ihre Eltern gleichermaßen lieben dürfen, ohne Gefahr zu laufen, jemanden dadurch zu verletzen: ihre heterosexuellen und homosexuellen Väter und Mütter, ihre biologischen und sozialen Eltern, die heutigen und früheren und auch zwischenzeitlichen Partner/innen ihrer Mütter und Väter, mit denen sie eine Beziehung aufgebaut haben.
Ihre Kinder brauchen das Gefühl, auf ihr eigenes Leben Einfluss nehmen zu können. Erlauben Sie ihnen mit Ihrer/Ihrem neuen Partner/in im eigenen Tempo eine Beziehung aufzubauen.
Verwenden Sie die Bezeichnungen oder Namen, die ihre Kinder selbst wählen, wie Mamas Freundin, Stiefpapa, mein/e zweite/r oder andere/r Papa/Mama. Wenn Sie rausbekommen wollen, welche Bezeichnung wohl am besten passt, fragen Sie Ihr/e Kind/er einfach: „Was meinst du, ist Marie deine Stiefmama so wie Claudia Joshuas Stiefmama ist?“
Nur noch einmal, bitte! Kinder lieben Geschichten über sich selbst als Babys. Sie lieben es, die Geschichten wieder und wieder erzählt zu bekommen, aber sie erzählen sie auch gerne selbst: „Das stimmt doch, ich bin ganz weit weg geboren. Dann seit ihr beiden gekommen und habt mich geholt, um bei euch zu leben.“ Ihre Kinder werden ihre Geschichte wahrscheinlich auch ihren Freunde erzählen und Klassenkameraden, den Großeltern und einfach jedem, der Lust hat zuzuhören.
- Wundern sie sich also nicht, wenn die Geschichte der Adoption oder Insemination bald „die Runde macht“.
„Ich kann nur dazu raten, immer offen damit umzugehen – aber auch nicht immer ungefragt alles zu erzählen. Beim ersten Kind war ich da noch viel radikaler, habe es quasi jedem um die Ohren gehauen, nun sehe ich es gelassener. Die Kinder übernehmen im Kita-Alter gerne mal das Outen.“ Lesbische Mutter (9)
Wollen Sie Ihre Kinder mit ganz einfachen Mitteln dabei unterstützen, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln und das Beziehungsgeflecht in Ihrer Familie zu verstehen?
- Legen Sie Photoalben an und ein Familien- oder Baby(tage)buch. Schauen Sie diese biographischen Dokumente mit ihnen gemeinsam an, sprechen Sie darüber. So schenken Sie ihren Kindern Begriffe und Bilder von ihrer Familiengeschichte.
- Beschreiben und Vergleichen: Wenn Sie Ihr/e Kind/er dabei unterstützen wollen, das Konzept von „Familie“ zu differenzieren, starten Sie am besten, indem Sie es/sie auffordern, ihre eigene Familie zu beschreiben: „Wer gehört zu deiner/unserer Familie alles dazu?“ Erweitern Sie die Perspektive um Familien, die Sie kennen: „Und wie ist es mit Michas Familie? Wer gehört zu seiner Familie?“ Lassen Sie Ihr/e Kind/er Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen: „Was ist denn bei unseren Familien gleich? Was ist anders?“ Sie können mit Ihren Kindern darüber sprechen oder ihnen – je nach Alter und Neigungen – vorschlagen, Bilder von den Familien zu malen. Bitten Sie Ihr/e Kind/er auch, andere Familien zu beschreiben, die sie vielleicht aus der Kita oder Schule, ihrer eigenen Arbeitsstelle, der Nachbarschaft, aus dem Fernsehen oder Büchern kennen, um eine Idee von der Vielfalt von Familienformen zu bekommen. Machen Sie Ihrem Kind deutlich, dass gerade die Unterschiedlichkeit von Familien das Verbindende ist.
„Wir haben es zum Thema gemacht, kurz bevor er in den Kindergarten kam ... Da wollte ich ihm klarmachen, dass es viele verschiedene Familienformen gibt, ganz viele Mama-Papa-Kind, aber auch eben Mama-Mama-Kind und Papa-Papa-Kind und habe zu jeder Beispiele benannt, die ihm bekannt sind (Letzte Variante bis dato leider nur aus einem Kinderbuch).“ Lesbische Mutter (18)
- Familie und ihre Rollen: Familien unterschieden sich – jenseits der Art und Anzahl der Familienmitglieder – auch durch die Aufgaben, die sie für andere übernehmen. In einer Familie finden sich immer zwei oder mehr Menschen, die zueinander gehören und sich auf vielfältige Weise um einander kümmern und sich ihre Zuneigung ausdrücken. Bitten Sie Ihr/e Kind/er zu beschreiben, wie das die einzelnen Mitglieder in Ihrer eigenen Familie – ganz alltagsnah – füreinander tun. Ermutigen Sie Ihr/e Kind/er auch ihre eigene/n Rolle/n zu beschreiben, die sie in der Familie spielen.
Das Beste an einer schwul-lesbischen Elternschaft? „Dass wir beide Kinder bekommen können und keine Rollen fest zuschreiben müssen.“
Das Schwierigste an einer schwul-lesbischen Elternschaft? „Dass wir beide Kinder bekommen wollen und uns unsere Rollen erst noch definieren müssen.“ Mirjam (13)
Familie und ihre Werte: Die meisten Eltern werden zustimmen, wenn behauptet wird, dass ein Familienleben dann gesund sein kann, wenn es sich auf dem Boden grundlegender Werte abspielt, wie Liebe, Respekt, Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge. Sprechen Sie mit Ihrem/Ihren Kind/ern über die Bedeutung solcher Werte in Ihrer Familie. Es wäre jetzt eine gute Gelegenheit, Ihren Kindern einmal zu versichern, dass Sie sie immer lieben werden, unabhängig davon, mit wem sie später ihr Leben verbringen wollen oder welchen beruflichen Weg sie einschlagen: Ob sie einen Mann, eine Frau oder beide lieben werden; ob sie Lehrer/in, Arzt/Ärztin, Verkäufer/in oder Lastwagenfahrer/in werden. Sagen Sie Ihnen, dass Sie stolz auf sie sind, so wie sie sind und dass Sie sich wünschen würden, dass Ihr/e Kind/er auch stolz auf seine/ihre Familie sein kann/können.
Schließen Sie sich gemeinsam mit Ihren Kindern Aktivitäten an, die Ihre Kinder bezüglich des Regenbogenfamilien-Kontextes stärkt und den „family-pride“ fördert: nehmen Sie an CSD-Paraden teil, schließen Sie sich Familienseminaren für lesbische Mütter und schwule Väter an oder einem Zeltwochenende nur für Regebogenfamilien (siehe www.ilse.lsvd.de, www.family.lsvd.de).
Helfen Sie Ihrem/Ihren Kind/ern dabei, diese Werte auch im Verhalten anderen Menschen gegenüber sichtbar werden zu lassen. Wenn das/die Kind/er älter wird/werden, unterstützen Sie es/sie dabei, diese Werte auch anderen Menschen zu verdeutlichen und dafür einzutreten, z. B. gegen über Freund(inn)en und Lehrer(inne)n.
„Mir fällt auf, dass in Regenbogenfamilien vielleicht noch mehr miteinander über den Umgang miteinander gesprochen wird, dass Eltern sehr viel über ihre Rolle als Väter/Mütter reflektieren. Werte und Normen werden mehr hinterfragt. ... Wir haben die Möglichkeit, unseren Kindern Werte und Normen beizubringen, die wir uns selbst ein Stück weit aufbauen mussten, weil wir Schwule und Lesben in vielen Normen und Wertfragen auch ein Stück weit außerhalb der heteronormierten Welt lagen und liegen. Das heißt alle Werte und Normen, die wir vermitteln, haben wir ein Dutzend Mal hinterfragt und in Frage gestellt. Die Normen und Werte die wir vermitteln, sind dann hoffentlich authentisch.“ Holger Henzler-Hübner, Jan-Dirk Hübner und Minh Kai Hübner (16)
- Lassen Sie Ihr/e Kind/er wissen, dass Ihre Familie die Vielfalt von Gemeinschaften, Religionen, Kulturen und Familien respektiert.
"Ich will jetzt auch eine Mutter! ... oder vielleicht einen kleinen Bruder?“ Spätestens wenn Kinder in den Kindergarten und die Schule gehen, werden sie auf andere Familienformen aufmerksam. Hier kann es immer vorkommen, dass Erwachsenen den Kindern das Gefühl vermitteln, dass ihrer Familie etwas fehlt, da sie keinen Papa oder keine Mama zu Hause haben. Von sich aus bewerten Kinder Familienformen nicht als besser oder schlechter, sie nehmen sie so, wie sie sind.
Was ist für dich das Schwierigste, gerade an einer schwul-lesbischen Elternschaft? „Das Kind ist das schwächste Glied in der Kette. So stellt sich immer wieder die Frage, muten wir den Kindern nicht doch zu viel zu an gesellschaftlichem Druck?“ Vera & Judith Steinbeck (10)

Kinder können in diesem Alter jedoch durchaus Spaß daran haben, ihre Familie neu zu „arrangieren“. Sie legen fest, wer heute dazu gehört und vielleicht auch mal ein paar Tage nicht mehr dazugehört – seien es Personen, Haustiere oder Spielzeuge. Sie können auch beschließen, dass sie Geschwister haben wollen – einen Bruder oder eine Schwester – oder einen zusätzlichen Elternteil brauchen, oder das Sie selbst mal eben jemand oder etwas anderes sein sollen.
- Wenn Ihr Kind Ihre Familie in dieser Form „modulieren“ will, versucht es Ihnen nicht etwa durch die Blume mitzuteilen, dass es mit der jetzigen unzufrieden ist. Es ist einfach ein Spiel. Für Sie als Eltern ist es wichtig, das richtig einzuschätzen und in einer spielerischen und entspannten Form damit umzugehen.
Tipps für jugendliche Kinder
Kommen Kinder in die Pubertät, gewinnen nicht nur die Gleichaltrigen und der Wunsch „dazu zu gehören“ an Bedeutung, sie fragen sich auch, wer sie selbst sind, was sie werden wollen, was ihnen wichtig ist und wen sie lieben.
„Mensch, die Anderen reden auch nicht ständig über ihre Familie! Das interessiert doch jetzt echt nicht!“ Kinder, die bisher ganz entspannt mit ihrem Familienhintergrund umgegangen sind, können plötzlich sehr „knauserig“ mit dieser Information werden. Es stellt sich für sie ganz neu die Frage, mit wem sie diesbezüglich offen umgehen wollen. Jugendliche teilen in dieser Zeit auch andere „intimen“ Informationen über ihr Leben nur mit ihrem besten Freund oder ihrer besten Freundin. Sie beginnen zu lernen, wann und mit wem sie in einer geschützten Atmosphäre über ihr Leben sprechen können, ohne dass sie gekränkt werden oder dass ihr „Geheimnis“ weitererzählt wird.
Wenn Jugendliche mit der Veröffentlichung ihres Regenbogenfamilien-Hintergrundes plötzlich sehr sparsam umgehen, kommen Eltern leicht auf die Idee, ihre Kinder würden sie zurückweisen oder sich ihrer homosexuellen Orientierung schämen. Entspannen Sie sich! Auch heterosexuelle Eltern erleben in dieser Zeit häufig ihre Kinder im „Rückwärtsgang“: Die lieben Kleinen wollen nicht mehr mit zum gemeinsamen Sport gehen, finden Freunde der Eltern plötzlich voll langweilig und wollen auf jeden Fall nicht, dass die Anderen sehen, dass sie von Mama zur Fete gefah-ren werden.
- Nehmen Sie es nicht persönlich. Ihr Kind ist auf dem Weg ins Erwachsenenland und der Kompass ist noch nicht genordet. Gehen Sie selbst weiter in Ihrem Lebensumfeld so offen und selbstverständlich mit Ihrer sexuellen Orientierung um, wie es für Sie gut ist. Seien Sie kompromissbereit, wenn es sich um die primären Lebensbereiche Ihrer Kinder handelt. Bleiben Sie im Gespräch, fragen Sie nach, was ihnen wichtig ist. Ihr Kind braucht gerade jetzt Modelle für einen respektvollen und selbstbewussten Umgang mit der eigenen Identität und für einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander. Bieten Sie Ihrem Kind auch weiterhin an, bei Veranstaltungen und Aktivitäten der schwul-lesbischen Gemeinschaft oder mit anderen Regenbogenfamilien mit zumachen. Ihr Kind wird schauen, was passt.
„Musst du ausgerechnet das anziehen? Alle meine Freunde werden da sein und dich sehen!“ In der Pubertät tritt die Bedeutung der Familie in der Regel „ein wenig“ hinter die eigene Bedeutung zurück. Sie grenzen sich ab, um sich selbst zu finden: Ich bin anders als ihr. Da bin ich eigen, ganz ich selbst. Ich bin selbst wer! Der einfachste Weg, hier unnötige Konflikte zu vermeiden, besteht darin, sich darauf zu einigen, dass man sich nicht einigen kann.
- Unterstützen Sie Ihre Kinder, in dem Sie im Gespräch bleiben. Zeigen Sie sich selbst, so wie Sie sind. Sprechen Sie mit Ihren Kindern z. B. über die Entscheidungen, die Sie in Ihrem Leben treffen mussten, um Sie selbst sein zu können. Gerade Jugendliche wissen meist etwas damit anzufangen, was es heißt, anders zu sein, und was es bedeutet, sich anpassen zu müssen oder gegen den Strom zu schwimmen. Solche Gespräche können Eltern und ihre jugendlichen Kinder nähe zueinander bringen und die Kinder können erleben, dass ihr Zuhause der Platz ist, an dem Menschen sein dürfen, wie sie wirklich sind.
Das Beste an einer schwul-lesbischen Elternschaft? „Den Kindern Möglichkeitsräume zu öffnen: 1000-jährig eingefahrene Muster von Beginn an außer Kraft setzen und den Kindern vermitteln: „Du kannst so leben, wie du willst!“ Vera & Judith Steinbeck (10)
Wenn die Jugendlichen älter werden, kann es bald wieder „in“ sein, Eltern zu haben, die anders als die Anderen sind.
„Die hat mich gefragt, ob meine Mutter lesbisch ist. Was sag ich denn da?“ Wenn die Homosexualität der Eltern zum Thema wird in Gesprächen mit Gleichaltrigen, kann dies mit sehr unterschiedlichen Anliegen geschehen.
Jugendliche können fragen, weil sie sich auf der Suche nach der eigenen sexuellen Orientierung befinden oder weil sie es einfach spannend finden. Dann können Kinder aus Regenbogenfamilien plötzlich mit einem „second hand“ Expert(inn)enstatus versehen werden, den sie gar nicht so einfach füllen können, denn Kinder aus Regenbogenfamilien werden selbst genauso selten homosexuell wie Kinder aus heterosexuellen Familien. Sie weisen jedoch eine umfangreichere sexuelle „Erfahrungs- und Möglichkeitswelt“ auf, d. h. sie erlauben sich eine größere Offenheit in ihrer Wahrnehmung, ihren Mitteilungen und in ihren Lebensentwürfen.91 In einer englischen Studie gab etwa jedes vierte Kind einer lesbischen Mutter an, sich in der Pubertät durch eine Person des eigenen Geschlechts angezogen gefühlt oder homoerotische Kontakte gehabt zu haben. Ausnahmslos alle Kinder heterosexueller Mütter sagten, so etwas hätten sie bei sich nie erlebt.92
„Unsere Kinder sprechen selbstverständlich davon, dass sie später mal mit einer Frau oder mit einem Mann zusammenleben wollen, je nachdem, in wen sie sich verlieben. Das ist – glaube ich – schon etwas Besonderes, dass sie sich Beides vorstellen können.“ Lesbische Mutter (19)
Auch wenn die Kinder erst einmal nicht so recht wissen, was sie sagen sollen; die meisten von ihnen können sich als gute Gesprächspartner/innen für Gleichaltrigen entpuppen, wenn es um die Suche nach der eigenen sexuellen Orientierung geht.
- Signalisieren Sie als Eltern einfach Gesprächsbereitschaft. Lassen Sie Ihre Kinder wissen, dass sie ihre Freunde oder Schulkamerad(inn)en gerne mal mit nach Hause bringen können. Wenn es opportun ist, geben Sie ihnen Infomaterial oder Kontaktadressen an die Hand, die sie weitergeben können (siehe www.lambda-online.de; www.anyway-koeln.de).
Kinder lesbischer Mütter und schwuler Väter können aber auch Bemerkungen über die sexuelle Orientierung ihre Eltern zu hören bekommen, die als Hänseleien gedacht sind. „Deine Mutter ist ’ne Lesbe!“ Hierauf haben sich offensive Antworten bewährt: „Ja, ist sie und ... hast du ein
Problem damit.“
- Es gibt viele Möglichkeiten mit solchen Bemerkungen oder generell homofeindlichen Äußerungen umzugehen. Unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, eine individuell passende Auswahl an Reaktions- und Umgangsweisen zu entwickeln. Hierzu finden sich ausführliche Tipps im nachfolgenden Kapitel (II 2.2).
“Let`s talk about sex, baby!”
Im Zusammenhang mit solchen Bemerkungen oder den „Anfragen“ von Gleichaltrigen können auch allgemeine Fragen über Sexualität oder die sexuelle Orientierung angestoßen werden. Eltern fällt es häufig nicht leicht, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen – hier stehen sich homosexuelle und heterosexuelle Eltern in nichts nach!
- Seien Sie ehrlich mit Ihren Kindern. Wenn Ihnen unbehaglich zu Mute ist, bei der Vorstellung mit Ihren Kindern über Sexualität zu sprechen, sagen Sie es ihnen, ... dann fassen Sie sich ein Herz, denn die Erfahrung lehrt, es ist besser, Sie sprechen mit Ihren Kindern über die Vielfalt sexueller Orientierungen und die Wege der Liebe, denn sie erhalten ihre Informationen von weniger achtsamen und wertschätzenden Menschen.
- Wenn Sie über Sexualität und sexueller Orientierungen sprechen, hören Sie Ihrem/Ihren Kind/ern genau zu und lassen Sie sie – wenn möglich – die Führung übernehmen. Fordern Sie sie einfach auf, Fragen zu stellen. Gibt Ihnen die Art der Fragen einen Hinweis darauf, was sie schon wissen und was sie schon verstehen? Versuchen Sie auf einem entsprechenden Niveau zu antworten. Seien Sie so klar wie möglich, wenn es um Ihre eigenen Gefühle im Zusammenhang mit Sexualität, dem Coming-Out, Intimität und den Werten in Ihrer Familie geht.
- Berücksichtigen Sie bei der Menge und Art der Informationen das Alter Ihres/r Kindes/Kinder. Je Jünger die Kinder, umso einfacher die Antworten. Schauen Sie nach altersentsprechender Literatur zum Thema „Sexualität und sexuelle Orientierungen“. Die Materialien sollten sexuelle Orientierungen in ihrer Vielfalt wertschätzend darstellen. Wenn die Kinder gerade Stress mit dem Thema „sexuelle Orientierung“ haben, kann es klug sein, darauf zu achten, dass das Material von Organisationen herausgegeben wird, die sich nicht speziell für schwul-lesbische Belange einsetzen. Es wird gut tun, wenn Sie sehen, dass z. B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Homosexualität und Heterosexualität gleichermaßen respektvoll behandelt.
Sexualität und Sexuelle Orientierung – Hinweise für Kinder und Eltern
- Harris, R. H. & Emberley, M. (2002). Total normal – Was du schon immer über Sex wissen wolltest. Frankfurt a. M.: Alibaba.
- Van der Doef, S. & Latour, M. (1998). Vom Liebhaben und Kinderkriegen. Mein erstes Aufklärungsbuch. München: Betz.
- Sexualaufklärung und Familienplanung ist einer der Themenschwerpunkte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). So finden sich im Internet zum Thema „Über Sexualität reden“ eine Fülle kostenloser und didaktisch exzellenter Broschüren für Kinder verschiedener Altersstufen.
- www.loveline.de - Ist ein Internetangebot speziell für Jugendliche rund um die Themen „Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung“. Hier gibt es Chats, ein Lexikon, erhellende Wissensspiele, sehr umfangreiche FAQs, aktuelle Umfragen, News und monatliche Schwerpunktthemen. Jugendliche können hier interaktiv ihr Wissen erweitern. Sexuelle Vielfalt wird hier wertschätzend dargestellt.
- Die SIECUS ist das US-amerikanische Pendant zur deutschen BZgA. In der hier herausgegebenen Reihe „Families are talking“ finden Sie einen prima Flyer mit altersdifferenzierten Materialien zum Thema: Sexuality Information and Education Council of the United States (SIECUS) (eds) (2004). Why It’s Important to Talk about Sexual Orientation. Families are talking, 3 (2). URL-Dokument: www.siecus.org/pubs/families/FAT_Newsletter_V3N2.pdf
„Wo komme ich her? Die Zweite!“ Fragen rund um ihre Genese begleiten Regenbogenfamilien auch, wenn die Kinder ins Jugendalter kommen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Entstehungsgeschichte kann für Kinder, die durch heterologe Insemination oder Adoption in eine Familie gekommen sind, durchaus ein lebenslanger Prozess sein. Ein bisschen wie bei unserem lesbischen oder schwulen Coming-Out treffen sie immer wieder auf neue Herausforderungen und Anlässe, sich differenzierter zu definieren und zu positionieren.
„Unsere Kinder gehen sehr offen mit ihrer Familiensituation um: Meinen Vater kenne ich nicht, er hat uns nur den Samen gegeben, wenn ich älter bin, möchte ich ihn kennenlernen.“ Lesbische Mutter (19)
Im Jugendalter werden die Fragen zunehmend konkreter. Wenn Kinder mithilfe einer „anonymen“ Samenspende geboren wurden, kann sie im Alter von 12 bis 17 Jahren die Frage beschäftigen, wie er denn wohl so sein mag, der Samenspender. Dieses Interesse teilen Kinder, die in lesbische Partnerschaften hineingeboren wurden, mit Kindern aus heterosexuellen Familien.93 Die Kinder können hier z. B. Genaueres über die Spendersuche erfahren wollen. Wenn ein Kind im Ausland adoptiert wurde, kann der ethnische Hintergrund mit seiner Kultur und Geschichte des Ursprungslandes an Interesse gewinnen. Auch die Frage, warum sich die Eltern gerade für dieses Land bei der Adoption entschieden haben.
- Die Erfahrung hat gezeigt, dass Eltern auf entsprechende Fragen ihrer jugendlichen Kinder am besten reagieren, in dem sie ihre ganz persönliche Geschichte erzählen oder die Geschichten von anderen Menschen, die sie kennen. Ihr Kind geht einen weitern Schritt im Aufbau seiner eigenen Identität. Achten Sie auf Hinweise, wie viele Informationen es im Moment händeln kann. Sie haben Zeit, es wird ein Schritt nach dem anderen gehen. Wenn es mehr Informationen haben will, wird es danach fragen.
„Regenbogenfamilien“ sind nicht nur eine eigenständige Familienform im wirklichen Leben, sie sind es auch „amtlich“ seit im Februar 200294 homosexuelle Paare mit Kindern im 11. Kinder- und Jugendbericht des BMFSFJ explizit im Spektrum der Familienformen genannt wurden. Wie in den vorangegangenen Ausführungen beschrieben, sind Eltern wie Kinder gefordert, ein Selbstverständnis ihres familiären Kontextes zu schaffen. Hier hat die stete Verwendung und Etablierung des Begriffs „Regenbogenfamilie“ bereits eine identitätsstiftende Wirkung, es stärkt das Selbstbewusstsein von lesbischen und schwulen Paaren mit Kindern.95
Sie müssen auch eine Antwort auf die Frage finden, wie offen Sie selbst mit Ihrem Familienhintergrund umgehen wollen. Wie offen Lesben und Schwule als Einzelpersonen mit Ihrer sexuellen Orientierung umgehen, ist ihnen selbst überlassen und wird sicherlich in Abhängigkeit von den Lebensbezügen und der Persönlichkeit variieren.
„Ich bin out und habe damit bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Ich trage allerdings kein Plakat oder eine Tätowierung, dass es mir direkt anzusehen wäre.“ Lesbische Mutter (17)
Wenn Lesben und Schwule jedoch Eltern werden, hat der Umgang mit dem homosexuellen Familienhintergrund weiterreichende Konsequenzen.
„Man ist natürlich mehr out mit Kindern und kann nicht gewisse Fragen einfach übergehen oder nicht beantworten. Mit Kindern ist es wichtig, eine klare Position zu sich und seiner Lebensform zu beziehen. Alles andere verunsichert die Kinder und löst möglicherweise Ängste oder Komplexe aus.“ Sabine (2)
Die Erfahrung lehrt, ein möglichst offener Umgang ist klar zu empfehlen. Je offensichtlicher der Familienhintergrund, umso kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass das „Anders sein“ negativ bewertet wird.
